OT-Wochenbericht Strom und Energie, KW 44/2026
Lage: hoch
Executive Summary
In KW 44 gab es keinen bestätigten Angriff auf Netzleittechnik in DACH, aber mehrere aktiv ausgenutzte Lücken in Edge-Geräten, über die Stadtwerke und Netzbetreiber ihre Fernwartung und Außenstellen anbinden. Die PHP2Shell-Lücken (CVE-2026-109618/-109619) stehen seit 26.10. im KEV-Katalog der CISA. Palo Alto hat zwischen 25. und 29.10. Hotfixes für alle unterstützten PAN-OS-Zweige veröffentlicht, auch für die Siemens RUGGEDCOM APE1808 in Umspannwerken. Cisco bestätigt seit 28.10. die Ausnutzung einer DoS-Lücke im SSL-VPN von ASA/FTD. Bei Arista VeloCloud Orchestrator wird die dritte SD-WAN-Lücke seit Juli ausgenutzt.
Direkt die Netztechnik betreffen zwei Advisories von Hitachi Energy (29.10.): Router der Serie TRO600 geben ohne Anmeldung Konfigurations- und Passwortdateien preis, und das Transformator-Monitoring CoreTec erlaubt Command Injection. Ausnutzung ist dort nicht bekannt. Zusammen mit den Altlasten bei Mitsubishi ICONICS GENESIS zeigt die Woche, wie viel von einem vollständigen Asset-Inventar und einem abgeschotteten Remote Access (CC4) abhängt. Mit diesen beiden Grundlagen wird aus einer Patch-Welle eine überschaubare Arbeitsliste.
Gesamtbewertung: Die Lage ist erhöht bis hoch, weil Angreifer gezielt Firewalls, VPN-Gateways und SD-WAN-Orchestratoren angreifen, also genau den Übergang zwischen Office und Leittechnik. Vorrang haben die PAN-OS-Hotfixes inkl. RUGGEDCOM APE1808, die Cisco-ASA-Fixes und das Abschotten aller Management-Oberflächen.
Empfehlung an die Geschäftsführung: Die Geschäftsführung sollte das Patchen der Edge-Geräte diese Woche als Betriebsthema mit fester Frist behandeln und sich den Stand am Freitag bestätigen lassen. Mittelfristig sichern ein vollständiges Asset-Inventar und ein zentraler, überwachter Remote Access mehr ab als Einzelprodukte.
Relevanz im Überblick
| Nr. | Thema | Wo | Relevanz | Handlung | Frist |
|---|---|---|---|---|---|
| L-01 | PHP2Shell: Hotfixes für PAN-OS da, aktive Ausnutzung bestätigt, RUGGEDCOM APE1808 betroffen | Firewalls an Umspannwerk, Fernwirktechnik und Leitstelle | KRITISCH | Hotfix einspielen, Management-Zugang nur über Jump Host | sofort |
| L-02 | Cisco ASA/FTD: ausgenutzte DoS-Lücke im SSL-VPN (CVE-2026-76418, CVSS 8,6) | VPN-Gateway für Fernwartung und Bereitschaft | HOCH | Auf Fix-Version aktualisieren | sofort |
| L-03 | Arista VeloCloud Orchestrator: dritter ausgenutzter Zero-Day seit Juli (CVE-2026-114625), KEV seit 23.10. | SD-WAN-Anbindung von Außenstellen und Stationen | HOCH | On-Prem-VCO patchen, Logs prüfen | sofort |
| L-04 | Hitachi Energy TRO600 und CoreTec: Lücken in Feldnetz-Routern und Transformator-Monitoring | Feldnetz und Transformatoren im Umspannwerk | HOCH | Firmware aktualisieren, Erreichbarkeit einschränken | 2 Wochen |
| L-05 | Mitsubishi ICONICS GENESIS64/MC Works64: Anmeldung umgehbar, für Altprodukte kein Fix | SCADA/HMI und Historian | MITTEL | Version prüfen, Altinstallationen isolieren | 2 Wochen |
Exponierte OT-Systeme (Shodan)
Exponierte OT-Systeme (Shodan, Stand 30.10.2026):
| Region | Gesamt | Top-Protokolle |
|---|---|---|
| Deutschland | 148182 | DNP3: 34267, OMRON FINS: 26328, ProConOS: 17131, Siemens S7: 7931, OPC UA: 5265 |
| Österreich | 4928 | HMI/VNC: 1088, DNP3: 1006, Niagara Fox: 482, Siemens S7: 386, OPC UA: 161 |
Gezählt werden aus dem Internet erreichbare Dienste typischer OT-Protokolle. Die Zahlen sind ein Indikator für Angriffsfläche, kein Nachweis einer Verwundbarkeit. Keine Einzelsysteme genannt. Siemens S7 = Port 102 (alle ISO-TSAP-Dienste, nicht nur echte S7-Steuerungen), OPC UA = Standardport 4840.
Lage im Detail
L-01 PHP2Shell: Hotfixes für PAN-OS da, aktive Ausnutzung bestätigt, RUGGEDCOM APE1808 betroffen
Was ist neu: Palo Alto hat zwischen 25. und 29.10. Hotfixes für alle unterstützten PAN-OS-Zweige 10.2 bis 12.2 veröffentlicht, z. B. 11.1.16-h4, 11.2.16-h1 und 12.2.4-h1. Die Ausnutzung über Management-Interfaces, die im Internet erreichbar sind, ist bestätigt (Status „ATTACKED“). Die CISA hat beide CVEs am 26.10. in den KEV-Katalog aufgenommen. Siemens hat SSA-566512 für RUGGEDCOM APE1808 am 28.10. auf V1.1 aktualisiert und verweist auf die verfügbaren PAN-OS-Versionen.
Bedeutung: Die APE1808 ist eine NGFW für Umspannwerke und Fernwirktechnik. Wer dort oder auf einer zentralen Palo-Alto-Firewall noch ungepatcht ist und die Management-Oberfläche erreichbar lässt, bietet einen bestätigt ausgenutzten Einstieg mit CVSS 9,8 direkt vor der Leittechnik.
Empfehlung: Die Hotfixes für die eigenen Zweige aus dem Advisory einspielen und bei der APE1808 den Siemens-Support einbinden. Bis dahin das Management-Interface nur von einem Jump Host aus erreichbar machen und die Threat-IDs aus dem Advisory aktivieren (CC4, CC5).
L-02 Cisco ASA/FTD: ausgenutzte DoS-Lücke im SSL-VPN (CVE-2026-76418, CVSS 8,6)
Was ist neu: Ohne Anmeldung kann ein Angreifer über den Login-Dienst des SSL-VPN einen Neustart von ASA oder FTD auslösen. Betroffen sind Geräte, bei denen in einer Tunnel-Gruppe eine sekundäre Authentifizierung eingerichtet ist, auch in der DefaultWEBVPNGroup. Cisco bestätigt die aktive Ausnutzung. Einen echten Workaround gibt es nicht, es gibt nur Mitigationen, die die Sicherheit senken.
Bedeutung: Es fließen keine Daten ab, aber ein dauerhaft neu startendes VPN unterbricht den Remote Access der Bereitschaft und von Dienstleistern. Bei einer Störung im Netz kann das die Entstörung verzögern.
Empfehlung: Prüfen, ob irgendwo eine sekundäre Authentifizierung konfiguriert ist, und auf die erste Fix-Version wechseln (z. B. ASA 9.20.4.50, FTD 7.4.9). Für die Bereitschaft einen zweiten, unabhängigen Notzugang dokumentieren und testen (CC4, CC1).
L-03 Arista VeloCloud Orchestrator: dritter ausgenutzter Zero-Day seit Juli (CVE-2026-114625), KEV seit 23.10.
Was ist neu: Über eine SQL-Injection wird jeder angemeldete Nutzer, auch mit der Rolle „Enterprise Read Only“, im On-Prem-Orchestrator zum Superuser. Die Fixes stecken in 5.2.3.18, 6.1.3.10 und 6.4.2.12. Die CISA hat die Lücke am 23.10. in den KEV-Katalog aufgenommen. Beim CVSS-Wert gibt es unterschiedliche Angaben, Sekundärquellen nennen 9,9 (v3.1) und 9,4 (v4.0).
Bedeutung: Wer den Orchestrator kontrolliert, kann die Routing- und Segmentierungsregeln aller angebundenen Edges ändern. Für Stadtwerke, die Pumpwerke oder Umspannwerke per VeloCloud anbinden, ist die Segmentierung dann nicht mehr verlässlich.
Empfehlung: Auf die Fix-Versionen aktualisieren und die Logs auf die beiden von Arista genannten Angreifer-IPs (74.82.197.86, 38.54.50.151) prüfen. Dazu alle Konten mit Leserechten am VCO prüfen und die nicht benötigten entfernen (CC2, CC5).
L-04 Hitachi Energy TRO600 und CoreTec: Lücken in Feldnetz-Routern und Transformator-Monitoring
Was ist neu: Auf TRO600 bis 9.2.1.6 kann ein Angreifer ohne Anmeldung beliebige Dateien lesen, auch Konfiguration und Passwortdaten (CVE-2026-106087, CVSS v4 8,7). Mit Anmeldung kommt er per Port-Forwarding an Dienste, die nur für localhost gedacht sind (CVE-2026-10756). Behoben ist das in 9.2.2.1 bzw. 9.1.2.0. In CoreTec4/5 bis 3.4.0 erlaubt die Zeitzonen-Einstellung eine Command Injection (CVE-2026-13162), CoreTec5 hat zusätzlich eine Kernel-Lücke zur Rechteausweitung. Der Fix ist CoreTec5 5.0.0, für CoreTec4 empfiehlt Hitachi den Umstieg.
Bedeutung: Die Produkte stecken direkt in der Netzinfrastruktur. Abgegriffene Passwortdaten eines Routers machen oft den Weg zu weiteren Stationen frei. Eine Ausnutzung ist laut CISA nicht bekannt.
Empfehlung: Bestand an TRO600 und CoreTec im Asset-Inventar prüfen, die Firmware aktualisieren und danach die Passwörter der Router wechseln. Bis zum Update die Weboberflächen nur aus dem Stationsleitnetz erreichbar machen (CC5, CC2).
L-05 Mitsubishi ICONICS GENESIS64/MC Works64: Anmeldung umgehbar, für Altprodukte kein Fix
Was ist neu: Die Passwort-Wiederherstellung nutzt eine feste Challenge-Response, die für alle Nutzer gleich ist (CVE-2026-16436, CVSS v4 9,2). Dazu kommt eine Rechteausweitung. Fixes gibt es mit GENESIS 11.04 und GENESIS64 10.98. Für MC Works64, GENESIS32 und BizViz kommt kein Fix.
Bedeutung: GENESIS64 läuft als HMI und Historian auch in Energie- und Wassernetzen. Altinstallationen bleiben dauerhaft verwundbar und gehören deshalb in die Risikobewertung.
Empfehlung: Alle ICONICS- und MC-Works-Installationen erfassen, unterstützte Versionen aktualisieren und Altprodukte vom Remote Access trennen. Den von CISA beschriebenen Workaround (Challenge-Datei leeren) anwenden (CC5).
Trends
- Angreifer nutzen Lücken in Firewalls, VPN und SD-WAN-Orchestratoren inzwischen innerhalb weniger Tage nach der Veröffentlichung aus, das Patch-Fenster für Edge-Geräte ist also eher Tage als Wochen.
- Lücken in Basiskomponenten wie PHP wandern über Lieferketten in OT-Produkte (Siemens, Rockwell, Cisco), und die Hersteller melden ihre Betroffenheit nacheinander über mehrere Tage.
- Ransomware-Gruppen listen vermehrt kleinere Energiehändler und Engineering-Dienstleister der Netzbranche, die meisten Einträge sind aber unbestätigt.
- Hersteller wie Mitsubishi beenden den Support für ältere SCADA-Produkte ohne Fix, Altinstallationen bleiben dadurch dauerhaft ein Risiko.
Fragen für das nächste Jour fixe
- Sind alle Palo-Alto-Firewalls inkl. RUGGEDCOM APE1808 auf dem Hotfix-Stand, und ist ihr Management-Interface nur über einen Jump Host erreichbar?
- Haben wir auf irgendeiner Cisco ASA/FTD eine sekundäre Authentifizierung im SSL-VPN, und welchen Notzugang nutzt die Bereitschaft, wenn das VPN ausfällt?
- Wo im Netz laufen Hitachi TRO600, CoreTec oder ICONICS GENESIS, und steht das vollständig im Asset-Inventar?
- Welche OT-Dokumentation (Netzpläne, Geräteinventare, Firmware-Stände) liegt bei Engineering-Dienstleistern, und wie ist der Zugriff dort geschützt?
- Wer erfährt bei uns innerhalb von 24 Stunden von einem KEV-Eintrag, der unsere Edge-Geräte betrifft?
Maßnahmen dieser Woche
- PAN-OS-Hotfix für CVE-2026-109618/-109619 einspielen, bei RUGGEDCOM APE1808 über den Siemens-Support, und die Management-Logs seit 17.10. prüfen.
- Cisco ASA/FTD auf die Fix-Version aus cisco-sa-asaftd-tunnel-dos-s6mgkb75 bringen, vorher die Tunnel-Gruppen auf sekundäre Authentifizierung prüfen.
- On-Prem-VeloCloud-Orchestrator auf 5.2.3.18, 6.1.3.10 oder 6.4.2.12 aktualisieren und die Logs nach den Arista-IOCs durchsuchen.
- TRO600-Router und CoreTec-Geräte inventarisieren und aktualisieren, danach die Passwörter der Router wechseln.
- Eine Liste aller Management-Oberflächen anlegen, die aus dem Internet oder dem Office-Netz erreichbar sind, und sie auf Jump-Host-Zugang umstellen.
Empfehlungen
- HOCH · PAN-OS-Hotfixes inkl. RUGGEDCOM APE1808 einspielen und Management-Zugang auf Jump Host beschränken [CC4 Secure Remote Access] (sofort)
- HOCH · Cisco ASA/FTD aktualisieren und einen getesteten Notzugang für die Bereitschaft festlegen [CC1 ICS Incident Response] (sofort)
- HOCH · VeloCloud-Orchestrator patchen und Rollen sowie Konten am VCO bereinigen [CC2 Defensible Architecture] (sofort)
- MITTEL · Asset-Inventar für Feld- und Stationsgeräte (TRO600, CoreTec, ICONICS) vervollständigen und einen KEV-Abgleich automatisieren [CC5 Risk-Based Vulnerability Management] (0 bis 3 Monate)
- MITTEL · Altinstallationen ohne Herstellersupport (MC Works64, GENESIS32) per Segmentierung isolieren und ihre Ablösung planen [CC2 Defensible Architecture] (3 bis 6 Monate)
